BildungsBlog
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Werner Helsper, Susann Busse, Merle Hummrich, Rolf-Torsten Kramer (Hg.) (2008): Pädagogische Professionalität in Organisation. Neue Verhältnisbestimmungen am Beispiel der Schule, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 279 Seiten, ISBN 978-3-531-14860-1, 29,90€.

In dem Sammelband, der auf eine Fachtagung zum Thema zurückgeht, wird aus verschiedenen theoretischen Perspektiven die Frage nach dem Verhältnis von Organisation und Profession am Beispiel der Schule in den Blick genommen. Dazu werden in einem einführenden Beitrag durch die Herausgebenden zunächst die langjährigen Diskussionen um dieses Verhältnis nachgezeichnet, in welchen auch die Frage impliziert wird, wie eine pädagogische Organisation aussehen könnte. Hier wird im historischen Verlauf der Diskussion ein Schwanken zwischen der Orientierung an Max Webers Bürokratiemodell und der Orientierung an Karl Weicks Modell der lose gekoppelten Systeme deutlich. Anschließend führen die Herausgebenden in die Gliederung des Sammelbandes und in die einzelnen Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren ein.

Im ersten Teil des Bandes stehen systematische und historische Perspektiven im Vordergrund. So nimmt Hartmut Wenzel Ewald Tenorths Argumentation von 1986 zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen. Tenorth ging schon damals von der Eigenständigkeit pädagogischer Organisationen mit unverwechselbaren Subkulturen aus. Wenzel zeichnet nun in seinen Beitrag dies unter Bezugnahme auf die neuren Diskussionen nach. Bernd Zymek befasst sich in seinem Beitrag mit dem Bologna-Prozess und beschreibt anhand dieser Entwicklung die Tektonik des deutschen Bildungssystems und den sich aus der Bolognareform ergebenen Strukturwandel für die Lehrerbildung.

Sozialwissenschaftliche Ansätze zum Verhältnis von Profession und Organisation werden im zweiten Teil in den Blick genommen. Aus einer strukturtheoretischen Perspektive reflektiert Ulrich Oevermann das Verhältnis von Krise und Routine (vgl. S. 57) vor dem Kontext pädagogischer Professionalität. Diese sei Schulen allerdings aufgrund der Schulpflicht nicht etabliert. Aus einer wissensoziologischen Perspektive gehen Michaela Pfadenhauer und Achim Broziewskie davon aus, dass Professionen vor allem als Lösungsverwaltungen zu verstehen seien. „Professionelle lassen sich demnach als Akteure verstehen, die Probleme, mit den sie sich auseinandersetzen, so zu definieren vermögen, dass diese eben möglichst weitgehend den Lösungen entsprechen, über die sie (je professionell) verfügen“ (S.82).

Der dritte Teil beschäftigt sich mit dem Verhältnis von Kommunikation und Entscheidung. Hier analysiert zum Beispiel Harm Kuper den aktuell auf Schulen einwirkenden Veränderungsdruck aus einer systemtheoretischen Perspektive. Zunächst werden die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse in einer „bürokratischen Schule“ in den Blick genommen um anschließend die potentielle Veränderung dieser Prozesse in einer „autonomen Schule (S. 155) zu reflektieren.

Im vierten Teil werden die Konsequenzen für die Anforderungen von Schulentwicklung und Lehrerprofessionalität reflektiert. Wolfgang Böttcher beschäftigt sich beispielsweise mit der Einführung von Bildungsstandards und deren Auswirkungen auf Outputqualität und Lehrerprofessionalität. Er kommt zu dem Schluss, dass klare starke Standards durchaus positive Einflüsse auf Organisation und Professionalität von Schule und Lehrenden haben könnten, dass allerdings die gesetzten Standards zu diffus und schwach seien und damit eine Professionalisierung eher behindern als fördern.

Im fünften und letzten Teil steht das Verhältnis von organisatorischen Machbarkeitsvisionen und professionellen Ungewissheiten im Vordergrund. Mit der Frage, wie Berufseinsteiger in Österreich in das System Schule integriert werden, beschäftigt sich Angelika Paseka anhand einer empirischen Studie. Es wird deutlich, dass die „Junglehrer“ nach ihrem Studium in ein ganz neues Lernfeld eintreten, dass sich vor allem durch (implizite) machtstrategische Auseinandersetzungen mit dem alteingesessenen und etablierten Kollegium in der Schule auszeichnet.

Der Sammelband bietet einen guten Überblick das Thema Organisation und Professionalität in der Schule und besticht vor allem durch die in den Beiträgen vertretenen unterschiedlichen theoretischen Perspektiven, die einen multidimensionalen Einstieg in das Thema ermöglichen.

Rezension: Michael Göhlich, Eckard König, Christine Schwarzer (Hg.) (2007): Beratung, Macht und organisationales Lernen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 187 Seiten, ISBN 978-3-531-15360-5, 26,90€

Im Sammelband setzen sich verschiedene Autorinnen und Autoren mit Beratung als pädagogische Praxis und deren verschiedenen Ebenen – individuelle Beratung, Beratung von lernenden Organisationen und Beratung im Kontext der Schule – auseinander. Diese Ebenen werden vor dem Hintergrund dreier zentraler Bezugstheorien reflektiert. Zum einen werden die Studien von Crozier und Friedberg (1979) herangezogen, die von einer Schnittstelle zwischen individuellem Akteur und dem sozialen System einer Organisation ausgehen. Innerhalb dieser Schnittstellen verfügt ein „Akteur aufgrund seines Spezialwissens über eine gewisse Menge an Macht, die er verteidigen und auszubauen sucht“ (S. 13). Zum anderen werden die Arbeiten Foucaults hinzugezogen, in denen Macht nicht als Besitz oder unterdrückend beschrieben wird, sondern Macht wird als produktiv gedeutet und in einem Macht-Wissenskomplex kontextualisiert. Zum dritten wird in einigen Beiträgen Beratung aus einer systemtheoretischen Perspektive nach Gregory Bateson reflektiert, in der zwischen Personen- und Kommunikationssystemen unterschieden wird.
Der Sammelband baut neben diesen theoretischen Zugängen auf empirischen Untersuchungen zum Verhältnis zwischen Beratung, Macht und organisationalem Lernen auf. Im Folgenden wird für jeden Bereich ein Beitrag exemplarisch vorgestellt.

Im ersten Teil des Bandes „Beratung in Organisationen“ beschäftigt sich Michael Göhlich mit dem Verhältnis von Exzellenz und Ethik im Diskurs um organisationales Lernen. Nach einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit der Frage was in Organisation als „gut“ bezeichnet wird, zieht er Ergebnisse der empirischen Organisationsforschung heran und kann verdeutlichen, dass Beratung allein aufgrund der Tatsache, dass durch sie Zeit in Anspruch genommen wird, als machtvoll beschrieben werden kann. Weiterhin wird im empirischen Material deutlich, dass die Erfahrung, das Fachwissen und die Kompetenzen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einen zentralen Machtfaktor darstellen. In einem Resümee kommt Göhlich zu dem Schluss, dass Macht und Beratung per se ineinander verwoben sind und dass dadurch eine besondere ethische Reflexion erforderlich sei, die dann auch organisationalen Lernprozessen zu Gute kommen könnte.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit „Personalentwicklung und Organisationslernen“. Hier zeigt Ines Sausele anhand der Analyse von Mitarbeitergesprächen, wie der Zusammenhang von Macht und Personalentwicklung und Qualifizierung in einem Wirtschaftsunternehmen auf der einen und einer sozialen Einrichtung auf der anderen Seite deutlich wird. Sie zeigt, dass über die Zugänglichkeit von Weiterbildungsveranstaltungen, Kontrolle über Machtverhältnisse deutlich wird (vgl. S. 94). In Wirtschaftsunternehmen wird dieser Zugang stärker durch Führungskräfte ermöglicht, als im pädagogischen Bereich. Deutlich wird weiterhin, dass gerade bei Wirtschaftsunternehmen die Qualifizierung der Mitarbeiter nicht nur einen individuellen Gewinn an Kompetenz bedeutet, sondern, dass das ganze Unternehmen von diesem Kompetenzzuwachs profitieren kann. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stehen hier in einer Art solidarischen Pflicht gegenüber ihrem Unternehmen. Innerhalb der pädagogisch-sozialen Einrichtung ist der Anspruch zentral, sich eigenverantwortlich weiterzubilden. Dies wird nicht mit dem Profil der Funktionsstelle des Mitarbeiters gekoppelt. So können sich zwar Impulse aus den Fortbildungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für die gesamte Institution ergeben – diese werden auch erhofft – allerdings sind sie nicht von Beginn an intendiert.

Im dritten Teil des Sammelbands steht „Schule und Lehrerbildung“ im Mittelpunkt. Heinz S Rosenbusch beschäftigt sich in diesem Kontext mit dem Verhältnis Beratung und Macht am Beispiel der Beurteilung von Systemmitgliedern der Schule durch Vorgesetzte. Dabei geht er einer organisationspädagogischen Grundfrage nach und fragt inwieweit die Zieltätigkeit der Schule durch immanente Regeln und Phänomene der Schulorganisation unterstützt oder behindert wird. Nach einer klaren Differenzierung zwischen Beratung und Beurteilung sowie deren Verortung in unterschiedlichen Kommunikationssystemen kommt Rosenbusch zu folgendem Ergebnis: Beratung ist in der Schule problematisch, da diese nicht durch Dienstvorgesetzte durchzuführen ist. Die Beratung wird dann zur Prüfungssituation, der wiederum andere Machtstrukturen inhärent sind, wie Petra Buchwald in einem eigenen Beitrag zeigen kann.
Der Sammelband ist bietet einen guten Überblick über die komplexe Beziehung zwischen Beratung, lernenden Organisationen und Macht. Besonders gelungen ist auch die Verschränkung von empirischen Untersuchungen und verschiedenen Bezugstheorien.

Julia Franz

Achim Volkers (2008): Wissen und Bildung bei Foucault, Aufklärung zwischen Wissenschaft und ethisch-ästhetischen Bildungsprozessen, VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden, 157 Seiten, ISBN: 978-3-531-15484-8, 24,90 €

Achim Volkers verfolgt in seiner Monographie die Frage nach dem Verhältnis zwischen Foucaults Subjektphilosophie und den darin implizierten Vorstellungen von Wissen auf der einen und Bildung auf der anderen Seite. So ist das Buch in drei entsprechende Teile untergliedert.

Zunächst widmet sich Volkers Foucaults Subjektphilosophie. Er reflektiert diesen Subjektbegriff vor verschiedenen Hintergründen. Zunächst beschäftigt er sich mit der Frage nach den Wechselwirkungen von Macht und Subjekt. Im Anschluss daran reflektiert er Foucaults Subjekttheorie im Kontext einer sich auf Nietzsche beziehenden Moralphilosophie. In den letzten Abschnitten setzt sich der Autor mit Anthropologie und Humanismus auf der einen und Aufklärung auf der anderen Seite auseinander. Er beschäftigt sich hier mit Foucaults Kritik an einer humanistischen Denktradition und darüber hinaus spielt im Kontext der Aufklärung die Frage „Was ist Kritik?“ selbst eine Rolle.

Im zweiten Teil der Arbeit geht Volkers auf professionelles Wissen ein und bezieht dabei sowohl Foucaults Machtanalytische als auch Diskursanalytische Perspektiven mit ein. Nach einer kurzen Einführung in Foucaults Machtanalytik, die er vor einem sozialpädagogischen Hintergrund interpretiert, beschreibt der Autor Macht als Führung und nimmt damit Bezug auf einen gouvernementalitätsanalytischen Ansatz. Im Anschluss daran bezieht sich Volkers auf das Feld der Erziehungswissenschaft und setzt sich hier besonders mit dem Theorie Praxis Verhältnis auseinander.

Der dritte Teil der Arbeit ist dem Konzept der Selbstsorge gewidmet. Volkers setzt sich hier zum Ziel, Foucault Subjektphilosophie als Bildungsphilosophie zu interpretieren. Nach einer ausführlichen und kritischen Rekonstruktion des hellenistischen Selbstsorgekonzepts reflektiert er Foucaults Äußerungen vor dem Kontext von ethisch-ästhetischen Bildungsprozessen.

Der Aufbau des Buches ist an manchen Stellen etwas verwirrend, da Überschriften nicht immer mit inhaltlichen Absätzen übereinstimmen. Der Autor stellt Foucaults Arbeiten stellenweise nebeneinander und interpretiert chronologisch frühere Schriften als Irrwege „(…) nachdem sich seine frühere Machtanalytik, die als Mikrophysik der Macht“ bekannt geworden ist, als Sackgasse erwiesen hatte“ (S. 67). Das Zusammenspiel zwischen souveränen, juridischen, disziplinarischen und gouvernmentalen Machtpraktiken, die Foucault gerade in den Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität herausarbeitet, wird nicht in Betracht gezogen. So bleibt die Interpretation von Foucaults machtanalytischer Perspektive hinter den Ausführung im aktuellen wissenschaftlichen Diskurs zurück.

Julia Franz

Rezension: Hermann Forneck, Mathilde Gyger, Christiane Maier Reinhard (Hg.) (2006): Selbstlernarchitekturen und Lehrerbildung. Zur inneren Modernisierung von Lehrerbildung, 341 Seiten, EURO 29.00, hep Verlag, Bern, ISBN 978-3-03905-233-2

In diesem Sammelband beschäftigen sich verschiedene Autorinnen mit hochschuldidaktischen Fragen der Lehrerbildung. Alle Beiträge sind vor dem Hintergrund des Entwicklungs- und Forschungsprojekte „@rs Architekturen des Selbstlernens“ der Pädagogischen Hochschule der Nordwestschweiz entstanden.

Im ersten Teil gibt Hermann Forneck, der sich schon lange mit der Gestaltung von Selbstlernarchitekturen auseinandersetzt (vgl. den Giessener Weiterbildungsstudiengang QINEB), eine Einführung in die Thematik aus einer modernisierungstheoretischen Perspektive. Er beschreibt Lernen auch als gesellschaftliche Reproduktionspraktik und wählt damit einen anspruchsvollen Zugang, der es möglichen macht, Lern- und Ausbildungsprozesse auch im Kontext gesellschaftlicher Machtpraktiken zu analysieren und zu interpretieren.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der konkreten Ausgestaltung der Selbstlernarchitekturen in der Lehrerinnenbildung in der Nordwestschweiz. Hier führt Forneck wieder in die Thematik ein, allerdings diesmal unter der Perspektive seines an Michel Foucault orientierten Konzept des Selbstsorgenden Lernens. Im Mittelpunkt des Konzeptes steht die Bewusstwerdung und Reflexivität des eigenen Lernens, die durch verschiedene Lernpraktiken initiiert werden sollen. Anschließend stellt Forneck die zentralen Steuerungselemente der Selbstlernarchitektur vor und leitet somit zu den praktisch orientierten Beiträgen über.
So beschreibt beispielsweise zunächst Christiane Maier Reinhard das @rs Projekt vor dem Hintergrund der flexiblen Ausbildung von Primarlehrkräften in der Schweiz. Nach dieser Einführung in das Projekt folgen anschauliche Beschreibungen der Steuerungsinstrumente der Selbstlernarchitektur, wie einer Eingangsinszenierung (Felix Bertschin/Christiane Maier Reinhard), oder der Lernberatung (Barbara Ryter Krebs). Die inhaltliche Ausgestaltung wird von Victor Müller-Opplinger in den Blick genommen. So beschreibt er die Architekturen zu den Themen „Individualisierung“ und „Neue Lernkulturen“.

Die Beiträge des dritten Teils beschreiben nun sehr anschaulich die sieben verschiedenen Abteilungen der Selbstlernarchitektur. Beispielsweise beschreibt Mathilde Geiger die Operationalisierung des Faches Deutsch oder Ernst Röthlisberger die des Faches Mathematik. Alle Beiträge haben hier einen ähnlichen Aufbau, der wiederum das Verständnis für die Struktur der einzelnen Abteilungen erleichtert.

Die Struktur und Gliederung des Sammelbandes ist sehr stringent. Die theoretischen Einführungen und Einbettungen sind anspruchsvoll und an einigen Stellen vorraussetzungsreich. Die anderen beiden Teile sind gerade durch ihre Struktur leicht nachvollziehbar und können praktische didaktische Anregungen bieten. Insgesamt bietet das Buch einen guten Einstieg in ein innovatives Konzept von Selbstlernarchitekturen und steht damit nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch im Kontext einer neuen Lernkultur.

Julia Franz

Rezension: Susanne Krasmann, Michael Volkmer (Hg.) (2007): Michel Foucaults "Geschichte der Gouvernementalität" in den Sozialwissenschaften - Internationale Beiträge, 314 Seiten, transcript Verlag, 28,80 €, ISBN: 978-3-89942-488-1

Dieser neu erschienene Sammelband lässt sich als internationaler und mehrdimensionaler Kommentar zu den 2004 veröffentlichten Vorlesungen von Michel Foucault „Geschichte der Gouvernementalität“ (Sicherheit, Territorium, Bevölkerung und die Geburt der Biopolitik) lesen.

Der Sammelband folgt einer logischen und stringenten Dreiteilung.
So bieten die Beiträge des ersten Teils einen Überblick über Foucaults Arbeiten aus der Perspektive der „Staatsfrage“. Die Autoren Thomas Lemke, Martin Saar und Mitchel Dean verfolgen die Vorlesungen Foucaults auf der Spur seines Staatsbegriffes. Alle drei Autoren machen in ihren jeweiligen Beiträgen deutlich, dass Foucault nicht – wie häufig vorgeworfen – den Staat vernachlässige, sondern, dass er vielmehr dezidiert die Prozeduren und Strukturen in den Blick nimmt, die den Staat erst konstruieren, in denen er sich kristallisiert.

Der zweite Teil des Sammelbandes stellt die Gouvernementalität zwischen Souveränität und Biopolitik in den Mittelpunkt. Alle Beiträge zielen darauf, deutlich zu machen, dass Foucault keinen linearen Dreischritt von der Souveränität über die Disziplin hin zur Gouvernementalität propagiert habe, sondern, dass dies drei Formen von Macht sind, die heuristisch gut zu unterscheiden sind, in der Empirie jedoch ineinander übergehen. Anne Caldwell setzt sich beispielsweise in diesem Teil mit der Frage auseinander, inwiefern nicht staatliche Akteure wie NGOs den „Human Rights Complex“ regieren. Susanne Krassmann und Sven Opitz bringen in ihrem Beitrag Foucaults Machtanalytik mit der Systemtheorie von Niklas Luhmann anhand der unterschiedlichen Gebräuche der Begriffe Inklusion und Exklusion zusammen, um so deutlich zu machen, das gesellschaftliche Exklusionen systemimmanente Bestandteile von modernen Gesellschaftsystemen sind.

Die Beiträge des dritten Teils stehen im Kontext von „Gouvernementalität und Neoliberalismus“. Jan-Otmar Hesse skizziert die aktuelle historische Forschung zum deutschen Ordoliberalismus und vergleicht diese mit Foucaults Perspektive. Mit einer kritischen Reflexion der Heterogenität der »governmentality studies« beginnen Sophia Prinz und Ulf Wuggening ihren Beitrag. Anschließend stellen sie vor dem Hintergrund der Bologna Reform heraus, dass hier mit neoliberalistischen Steuerungsvorstellungen eine zunehmende Bürokratisierung innerhalb der Universitäten einhergehe.

Der Sammelband eröffnet eine Reihe von anregenden Perspektiven zu Foucaults viel beachteter Vorlesungsreihe, vor allem, da hier zum einen unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen zu Wort kommen und zum anderen fließen darüber hinaus auch verschiedene internationale Blickrichtungen in den Sammelband ein. Dadurch bekommt das Buch einen sehr angenehme Perspektivenvielfalt.
Julia Franz

Roswitha Eisentraut beschäftigt sich in ihrer Dissertation zu intergenerationellen Projekten mit drei Forschungsfragen. Erstens geht es ihr darum zu untersuchen, wo intergenerationelle Projekte initialisiert werden und auf welchen Handlungsfeldern sie basieren. Zweitens untersucht Eisentraut die Frage nach der Motivation für die Initialisierung bzw. für die Teilnahme an intergenerationellen Projekten. Drittens und letztens steht die Frage nach den Wirkungen von intergenerationellen Projekten im Vordergrund.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden theoretische Ansätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen reflektiert. Zunächst beschreibt Eisentraut gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch den demografischen Wandel, um vor diesem Hintergrund verschiedene Zugänge zur Generationenthematik zu eröffnen. Anschließend beschäftigt sich die Autorin mit intergenerationellen Bildungs- und Anerkennungsprozessen, da sie hier die Annahme zugrunde legt, dass beide Prozesse für intergenerationelle Projekte eine herausragende Rolle spielen. Im Kontext der Bildungsprozesse bezieht sich Eisentraut zunächst auf die von Schleiermacher gestellte Frage „Was will die ältere Generation von der jüngeren?“ und deren Umkehrung nach Sünkel (vgl. S. 67). Besonders interessant erscheint der Punkt „Intergenerationelle Bildungsprozesse: ein Theoretischer Ansatz“, in welchem intergenerationelle Bildungsprozesse im Spannungsfeld zwischen individuellen und kollektiven Lernprozessen beschrieben werden. Zur Beschreibung intergenerationeller Anerkennungsprozesse zieht Eisentraut zunächst Charles Taylor hinzu, für den Anerkennung nur durch das Gegenüber in Form von konkreten oder generalisierten Anderen möglich ist. Anschließend beschreibt sie mit Anthony Giddens Anerkennungsprozesse im Kontext der Weitergabe von Tradition. Vor diesem theoretischen Hintergrund wird zwischen bürgerschaftlichem und freiwilligem Engagement differenziert.

Nach diesem theoretisch fundierten ersten Teil stellt die Autorin in Teil B nun ihre eigene qualitative Untersuchung vor. In einer ostdeutschen Großstadt wurden zehn Generationenprojekte – von denen manche allerdings auch eher implizit intergenerationell angelegt sind – untersucht. Zum einen wurden problemzentrierte Interviews mit den Projektleitungen durchgeführt und zum anderen wurden einzelne Teilnehmende der Projekte befragt. Die erste Forschungsfrage nach den Orten der Initialisierung wird durch die Beschreibung der Einzelprojekte und eine Analyse der Anbieter und – Teilnehmerstrukturen beantwortet. Die Analyse der Interviews ergab darüber hinaus, dass für die Projektleitung Bildungs-, Kontakt- und Konfliktabbaumotive ausschlaggebend für die Initialisierung eines Projekts sein können, während für die Teilnehmenden der Wunsch nach Kontakten und Kommunikationsmöglichkeiten im Vordergrund steht. Insgesamt wird hier deutlich, dass für die Teilnehmenden – anders als die Projektleitungen – persönliche Motive wie Selbstverwirklichung oder Krisenverarbeitung von besonderer Relevanz sind. Die Wirkungen intergenerationeller Projekte lassen sich nach Eisentraut sowohl auf der Ebene der Träger sowie auf der Ebene der Projektstrukturen zeigen. Die Teilnehmenden geben wiederum vor allem persönliche Wirkungen an, die in den Kontext von intergenerationellen Bildungs- und Anerkennungsprozessen einzuordnen sind. Beispielsweise reden die Teilnehmenden häufig davon, ein gutes Gefühl des „Gebraucht-Werdens“ zu empfinden. Umgekehrt wird in einzelnen Fällen auch davon gesprochen, keine Wertschätzung, und keine Anerkennung zu erhalten, so zum Beispiel eine Lesepatin im Kindergarten, die von der Einrichtung bestenfalls geduldet wird. Abschließend zu diesem zweiten Teil benennt die Autorin idealtypische Merkmale intergenerationeller Projekte.

Im dritten und letzten Teil wird der Diskurs um intergenerationelle Projekte in den USA herausgearbeitet, um mögliche Vergleichspunkte zu den deutschen Diskussionen zu identifizieren. In diesem Teil wird deutlich, dass die Generationenthematik schon ein lang institutionalisiertes Feld im Bereich der Freiwilligenarbeit ist. Anders als in Deutschland geht hier die Argumentation stärker davon aus, dass gerade die ältere und jüngere Generationen von den Auswirkungen eines schnellen gesellschaftlichen Wandels betroffen sind und daher ein Engagement füreinander als wünschens- und erstrebenswert betrachtet wird.

Insgesamt ist die Dissertation gut aufgebaut, auch wenn nicht ganz klar ist, warum die Beschreibung des amerikanischen Diskurses erst nach der eigentlichen empirischen Untersuchung folgt. Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen gelegt, die in der Analyse der Aussagen der Projektleitungen und Teilnehmenden wieder als Hintergrundfolie hinzugezogen werden. An manchen Stellen wäre es schön gewesen, vertieft auf den hergestellten Zusammenhang zwischen theoretischem Kontext und empirischer Untersuchung einzugehen. Die Arbeit bietet einen guten Überblick über intergenerationelle Projekte und deren mögliche Motivations- und Wirkungsstrukturen. Damit bildet diese Arbeit eine erste empirische Grundlage zur Erforschung intergenerationeller Projekte, aus der sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten ergeben.
Julia Franz

Rezension: Reinhold Knopp, Karin Nell (Hg.) (2007): Keywork – Neue Wege in der Kultur- und Bildungsarbeit mit Älteren, transcript Verlag, Bielefeld, 24,80 € ISBN: 978-3-89942-678-6

Der Sammelband „Keywork“ eröffnet verschiedene Perspektiven auf die aktuellen Entwicklungen in der Kultur- und Bildungsarbeit mit Älteren. Die ältere Generation verfüge über ein hohes Maß an Ressourcen, die für Ehrenamt und Engagement genutzt – aber nicht instrumentalisiert werden sollen, wie die Herausgeber in ihrem einführenden Beitrag herausstellen. Sie stellen Keywork als Alternative zum klassischen Ehrenamt in der Seniorenarbeit dar (S. 12) und zeigen dies anhand von verschiedenen Praxisbeispielen. Die Veröffentlichung gliedert sich in drei unterschiedliche Teile, von denen sich im ersten im theoretischen Fundierungen und Grundlagen auseinandergesetzt wird. Im zweiten und größten Teil steht die „Keywork in der Praxis“ im Mittelpunkt und im letzten Teil werden Keywork und Stadtteilarbeit in Bezie-hung gesetzt.

Im ersten grundlagentheoretischen Beitrag definiert Roman Schanner, was unter einem Key-worker – vor allem im Bereich der musealen Bildungs- und Kulturarbeit – zu verstehen sei. „Ein Keyworker im engsten Sinne der Definition hingegen sollte optimalerweise selbst Mitglied einer als Zielgruppe zu gewinnenden, sozialen Gruppe sein. (…) Die Keyworker besitzen sozusagen den »Schlüssel«, um ihrem eigenen sozialen Umfeld in adäquater »Sprache« und Form museale Inhalte zugänglich zu machen“ (S. 25). Sie sind demnach Vermittler zwischen den Kulturbetrieben und verschiedenen sozialen Milieus, die bislang nicht zu den klas-sischen Zielgruppen gehörten. In einem weiteren theoretischen Beitrag verweist Reinhold Knopp darauf, dass kulturelle Kompetenz ein Schlüssel für gesellschaftliche Wirksamkeit und Teilhabe bis ins hohe Alter hinein darstellt.

Der zweite – an der Keywork-Praxis orientierte – Teil der Veröffentlichung beginnt mit einem Beitrag von Karin Nell, die zunächst den Weg von der Netzwerkarbeit zum Keywork-Programm skizziert. Vor diesem Hintergrund stellt sie theoretische Grundlagen der Fortbildungsarbeit für Keyworker dar und orientiert sich dabei stark an Peter M. Senges Theorie der lernenden Organisation. Nell bezieht sich weiterhin, wie auch andere Autorinnen und Autoren des Sammelbandes, auf den Kapitalbegriff von Pierre Bourdieu. Keywork stehe hier an der Schnittstelle zwischen kulturellem und sozialem Kapital.

In einem anderen Beitrag des Praxisteils stellen Karin Nell und Ute Frank das Grundmodell des Kulturführerscheins® dar, der unter der Federführung der Diakonie in Düsseldorf entwickelt wurde. Die detaillierte Beschreibung der Entwicklung des Fortbildungskonzeptes bietet vielerlei Anschlussmöglichkeiten. Aus diesem Projekt heraus haben sich weitere kleinere Pro-jekte entwickelt. So zum Beispiel das von Ute Frank beschriebene Projekt Kultur auf Rädern, bei welchem Kultur als „Lebensmittel“ in die Privatwohnungen von Älteren oder in Seniorenheime gebracht wird. Ein Beitrag von Günter Friedeler beschäftigt sich mit dem Kultur-zentrum der Generationen im Jungen Schauspielhaus in Düsseldorf, bei welchem Ältere ihre Erfahrungen und Kompetenzen an benachteiligte Jugendliche und Kinder weitergeben.

Im letzten Teil steht die Verbindung zur Stadtteilarbeit im Mittelpunkt. Beispielsweise be-schreibt hier Heike Schwalm das Düsseldorfer Projekt PLATZDA. Hier geht es darum, mit partizipativen Methoden als Bürgerinnen und Bürger gemeinsam über die Raumnutzung bestimmter Orte zu diskutieren und Veränderungen anzustoßen.

Die Beiträge des Sammelbandes spiegeln vor allem die Aktivitäten der Kooperation zwischen Projekten in Wien und in Düsseldorf wieder und zeichnen damit ein regional geprägtes Bild, dass allerdings sehr inspirierend für weitere Projekte und Kooperationen sein kann. Gerade der Praxisteil bietet vielfältige Anregungen und Anschlussmöglichkeiten für Menschen die sich in ihrer Region mit dem Konzept des Keyworks praktisch auseinandersetzen wollen.

Rezension: Carsten von Wissel (2007): Hochschule als Organisationsproblem. Neue Mo-die universitärer Selbstbeschreibung in Deutschland, transcript Verlag, Bielefeld, 32,80 €; ISBN: 978-3-89942-650-2

Carsten von Wissel setzt sich in seiner Dissertation diskursanalytisch mit Selbstbeschreibungen deutscher Universitäten auseinander. Dabei nimmt Frage, wie aus Universitäten »Organisationen« wurden, einen besonderen Stellenwert ein.
In der Einleitung macht von Wissel die Relevanz des Themas deutlich. Es gehe darum, „ein vertiefendes Verständnis zu generieren, wie soziale Wirklichkeit im hochschulpolitischen Raum produziert wird, wie Forschen, Lehren, Organisieren und Politik-Betreiben einander begrifflich erzeugen, insofern miteinander wechselwirken und aufeinander verwiesen sind“ (S. 15).
Anschließend stellt der Autor seinen theoretischen Rahmen vor. Er klärt hier die theoretischen Grundannahmen und stellt verschiedene Beschreibungsmodelle des Konstruktes »Organisation« vor, bevor er eine institutionelle Perspektive auf Universitäten entwirft. Im Anschluss daran bearbeitet von Wissel die zentralen Grundbegriffe seiner Arbeit bzw. die Begriffe die einen diskursanalytischen Zugang von universitären Selbstbeschreibungen möglich machen.
Im dritten Teil der Arbeit zeichnet von Wissel diskursanalytisch verschiedene universitäre Begriffe, wie »Humboldt«, »Elite« oder »Reform« nach. Am Beispiel »Humboldt« kann von Wissel zeigen, wie dieser Begriff in den letzten 100 Jahren im Kontext universitärer und hochschulpolitischer Diskurse seine Bedeutung verändert hat. Das einst zentrale und damit verbundene Paradigma des Zusammenhangs von Forschung und Lehre gelte in aktuellen Dis-kursen um die Modernisierung von Universitäten nur noch als ein disfunktionaler Ballast. Dieses Nachzeichnen der historischen Bedeutungen von zentralen Begriffen von Universitätsdiskursen macht es möglich, die aktuellen Debatten leichter nachzuvollziehen und einordnen zu können.
Im vierten Teil beschreibt von Wissel Diskurse das zeitgdiagnostisches Modell einer »Wis-sensgesellschaft« als Rahmenbedingung für universitäre Selbstbeschreibungen. Er zeichnet hier die Diskussion detailliert nach und ordnet anschließend die Position der Wissenschaft innerhalb des Diskurses um eine Wissensgesellschaft ein. Dabei bezieht er Theorien der Wissenschaftsforschung ein, wie den »New Mode of Knowledge Production« nach Gibbons, Nowotny u.a. und die Theorie der »Triple Helix of University-Industry-Government-Relations«.
Politiken und Instrumente sind Gegenstand des fünften Teils. Hier werden Politiken, wie die Orientierung an Zahlen und an Nutzen sowie die Differenzierung der Universitätslandschaft, Privatisierung, Europäisierung und Internationalisierung in den Blick genommen. Von Wissel beschreibt diese Politiken als übergeordnete Entscheidungsprogramme, während er in einem zweiten Schritt verschiedene Instrumente, wie Managerialismus und Strategieentwicklung als organisationale Entscheidungsprogramme definiert, die mitunter für die Implementation der Politiken von Bedeutung sind.
In einem nächsten Schritt betrachtet der Autor hochschulpolitische Praxen und vergleicht hier verschiede Empfehlungen seitens der Enquete-Kommission Globalisierung der Weltwirtschaft, des BMBFs und der ehemals Rot-Grünen-Regierung sowie der Volkswagenstiftung, die sich nach von Wissel nur in Nuancen unterscheiden. Zu guter Letzt werden noch verschiedene Universitätsutopien beschrieben, die diesen Empfehlungen zu Grunde liegen. Obwohl die Utopien sich deutlich voneinander unterscheiden, seien die Praxen relativ homogen. Im abschließenden Fazit verdichtet von Wissel noch einmal die Kernpunkte seiner Arbeit und setzt sie miteinander in Beziehung.

Von Wissel beschreibt die Diskurse um universitäre Selbstbeschreibungen sehr ausführlich und an vielen Stellen auch sehr dicht und vorraussetzungsreich. So bezieht er immer wieder die Luhmannsche Perspektive der Systemtheorie mit ein, gerade wenn es darum geht, Universtitäten als Organisationen zu beschreiben. Diese Perspektive erscheint äußerst gewinnbringend, allerdings macht es den Text für Leserinnen und Leser, die sich bislang noch nicht mit den Grundbegriffen der Systemtheorie beschäftigt haben nicht gerade einfach. Insgesamt bietet die Dissertation einen guten und differenzierten Überblick über die Diskurse universitärer Selbstbeschreibungen.

Jenny Lüders (2007): Ambivalente Selbstpraktiken. Eine Foucault'sche Perspektive auf Bildungsprozesse in Weblogs, transcript Verlag, Bielefeld, EUR 28,80, ISBN-10: 3899425995, ISBN-13: 978-3899425994

Jenny Lüders setzt sich in ihrer Dissertation mit Bildungstheoretischen Überlegungen im Anschluss an Foucault auseinander und schließt daran mit einer qualitativer Analyse von Bildungsprozessen in Weblogs an.
Im ersten Teil ihrer Ausführungen beschreibt sie verschiedene Komponenten bzw. Dimensionen des derzeitigen Bildungsbegriffs. Sie beruft sich auf die aktuelle Diskussion darüber, ob „Bildung“ durch andere Begriffe ersetzt werden müsse und auf die Diskussion um die Diskrepanz von Bildungstheorie und Bildungsforschung. Sie benennt aus dieser Perspektive fünf Dimensionen: das Bildungssubjekt, Bildung und Gesellschaft, Bildung und Normativität, Prozesshaftigkeit von Bildung und das Verhältnis von Bildungstheorie und Forschung. Im Anschluss daran setzt sich Lüders mit den Arbeiten von Michel Foucault auseinander und beschreibt seine Forschung zum Subjekt, seine Gegenwartsanalysen, das Verständnis von Kritik, das besonders gut im Verhältnis von Normativität und Bildung wieder entdeckt werden kann, sowie Praktiken der „Entsubjektivierung“ also Praktiken, die es Subjekten ermöglichen „nicht dermaßen regiert zu werden“ (Foucault 1992). Dieser erste Teil der Arbeit, das Zusammendenken von Dimensionen des Bildungsbegriffs und Foucaults philosophisch gesellschaftlich-historischen Arbeiten erweist sich als durchaus fruchtbar, denn so kann eine neoliberale Umdeutung des Bildungsbegriffs oder des Autonomiebegriffs skizziert werden. Das Bildungssubjekt der Aufklärung ist immer in Stränge von Diskursen, Macht- und Wissensverhältnissen eingebunden damit nicht völlig frei und es bedarf daher Bildungskonzeptionen die diese Verstricktheit mitreflektieren und Möglichkeiten zum ‘anders denken’ bieten.

Im zweiten Teil der Arbeit widmet sich Lüders der empirischen Untersuchung von Bildungsprozessen. Dazu beschreibt sie zunächst ihren Untersuchungsgegenstand „Weblogs“ um anschließend ihre methodischen Überlegungen vorzustellen. In diesen verbindet Lüders die drei Achsen der Arbeit Foucaults (Diskursanalyse, Machtanalyse, Genealogie der Ethik) zu einem sehr inspirierenden und für weitere Forschungen durchaus fruchtbaren Untersuchungsraster. Sie untersucht in einem einzelnen Weblog hauptsächlich die Subjektpositionen der Autorin. Die Weblog-Autorin wird aus verschiedenen Diskurs- und Subjektpositionen analysiert. So zeige sie sich zum Beispiel als „Gestalterin“. Letztlich kommt Lüders zu dem Schluss, dass nur teilweise Bildungsprozesse bzw. Veränderungen, die auf Bildungsprozesse schließen lassen, im Weblog sichtbar werden.
Lüders methodisch-analytisches Vorgehen verbleibt jedoch auf einer diskursanalytischen Ebene. Die viel versprechende Verschränkung der drei Achsen wird leider methodisch nicht eingelöst. Die Autorin spricht zwar auch davon, das Vernetzungsstrukturen ein Indikator für Bildungsprozesse sein könnten, kann dies aber am ausgesuchten Weblog nicht zeigen. Lüders belegt ihre Interpretationen kaum, die zitierten Stellen des Weblogs wirken redundant und werden nicht durch Abbildungen angereichert. Insgesamt ist das Buch „Ambivalente Selbstpraktiken“ selbst ein wenig ambivalent, denn es beginnt mit wirklich fruchtbaren, interessanten und anregenden Überlegungen dazu, inwiefern mit Foucault der Bildungsbegriff transformiert werden kann. Vor allem die methodischen Überlegungen bieten verschiedene Anknüpfungspunkte für die weitere Forschung. Die Untersuchung selbst ist im Vergleich dazu eher enttäuschend. Nichtsdestotrotz bietet der Text im ersten Teil ein großes Potenzial und daher lohnt sich das Lesen auf jeden Fall.


Literatur:
Foucault, Michel (1992): Was ist Kritik? Merve Verlag.

Julia Franz

 
 
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