# Bieler (Gast) schrieb am 1. Sep, 19:06:
Das Bildungswesen ist keine Selbstbefriedigung
Speziell geht es mir um die Berufsbildung und ich möchte hierzu einen aktuellen Ausschnitt zeigen:Nur wenige Bereiche innerhalb der Berufsausbildung sind so komplex und einem stetigen Wandel unterworfen wie der IT-Bereich. Da es bisher kaum "Informatik-Lehrer" mit entsprechendem Uni-Diplom bzw. Staatsexamen gibt, tummeln sich auf diesem Sektor bisweilen recht skurile Gestalten:
Neben wirklich kompetenten Informatikern, denen allerdings ein ordentlicher pädagogischer Abschluss fehlt und die in der Wirtschaft keine adäquate Stelle gefunden haben, gibt es eine Vielzahl von Lehrkräften aus den unterschiedlichsten Bereichen kommend, welche eventuell irgendwann in einer Weiterbildungsmaßnahme den Umgang mit dem PC erlernt, oder sich privat für EDV interessiert haben und daraufhin, oder warum auch immer (!) in diversen Bildungseinrichtungen ihr Gehalt als IT-Lehrer verdienen.
Ich möchte sie Hobby-Informatiker nennen.
Woran erkennt man sie?
Ganz einfach: sie beschäftigen die Schüler über die gesamte Lehrzeit vorrangig mit EXCEL-Aufgaben und im Fach EvA (also Anwendungsentwicklung) mit VBA-Makros - im günstigen Fall - mit etwas C-Grundkenntnissen. Ausschließlich Microsoft, versteht sich!
Die früheren Office-Schulungen der Erwachsenenbildung, noch in den 90er Jahren von Arbeitsämtern finanziert, wurden umbenannt in “ITSL” und “EvA” oder “Datenverarbeitung”, auf 2 oder 3 Jahre gedehnt und oberflächlich den Themen irgendwelcher Lehrbücher angeglichen (im günstigen Fall!).
Verantwortlich dafür sind nicht nur mangelhaft bzw. gar nicht ausgebildete Fachlehrer, die letztlich ihren Lebensunterhalt verdienen müssen, sondern und vor allem die ungenügenden Vorgaben (BIBB, Senat, IHK) für die Lehrpläne. Man kann bestimmt nicht erwarten, dass in den finanzierenden Behörden Mitarbeiter sitzen, denen die Bedeutung bestimmter Abkürzungen wie MYSQL, PERL, ABAB, JAVA usw. bekannt sind. Aber man sollte erwarten können, dass wenigstens für die modernen Fachgebiete der Berufsausbildung eine Orientierung an die Didaktik der Hoch- und Fachschulen stattfindet. Dort sind die Lehrkräfte grundsätzlich bemüht, kompetenten Nachwuch für die Wirtschaft, also für einen echten Bedarf auszubilden.
Denn Bildung als Selbstzweck mündet zwangsläufig in Beliebigkeit!
Wann endlich begreift man, dass nicht nur der frühere Rundfunk- und Fernsehmechaniker längst ausgedient hat, sondern auch ein zB IT-Systemkaufmann, welcher, neben einigen Grundkenntnissen über die Bestandteile eine PC, ausschließlich mit ein paar Microsoft-Office-Anwendungen umgehen kann?
Wenn dieser wenigstens flink auf der Tastatur wär´ - aber nicht einmal das!
Auch Schul-Zertifikate, Qualitätssiegel, Qualitätsbeauftragte, Überprüfungen von Schulen u.ä. können nur dann sinnvoll und erfolgreich sein, wenn wenigstens die prüfenden Beamten einen Hauch von Fachkenntnis hätten und eine vage Vorstellung davon, was in der modernen Wirtschaft als “Erfolg” bezeichnet wird.
Dem Bildungswesen fehlt ohne einen Auftrag sein Wesen.
Wer gibt diesen Auftrag?
Läßt man sich von Steuereinnahmen (also der Wirtschaft) bezahlen, um danach darauf zu bestehen, sich selbst einen Auftrag zu geben?
Das Gegenteil von "Verschulung" ist der Hobby-Raum, ist Dilettantismus, ist Beliebigkeit!
Eine "demokratische Forderung nach größtmöglicher Gleichheit der Bildungschancen" existiert nicht - eine Minderheit hat sich derartige "Forderungen" ausgedacht, um - wie ich vermute - einer schulischen Erziehung entfliehen zu können.
Menschen waren und sind niemals gleich: sie haben unterschiedliche Begabungen, Fähigkeiten und Voraussetzungen. Menschen haben auch unterschiedliche Ziele und sind dabei unterschiedlich erfolgreich. Diese unterschiedlichen Menschen gewähren anderen Menschen also auch unterschiedliche Chancen. Dies ist gut und richtig und hat sich in allen Völkern historisch bewährt. Unterschiede bzw. Differenzen sind die Ursachen für Entwicklungen. Ähnlich der elektr. Spannung (Ladungs-Trennung), welche einen Stromfluss verursacht.
Meine Beobachtung ist, dass gerade die weniger engagierten Menschen (zB: Lehrer!) - wenn es um den Erwerb von Wissen und Fertigkeiten geht - am lautesten nach Chancengleichheit rufen, am lautesten gegen Leistungsbewertungen (zB: Zensuren) argumentieren und eine Überprüfung der eigenen fachlichen Kompetenz fürchten wie der Teufel das Weihwasser.
Dass gerade solche Leute die Sinnhaftigkeit einer "Durchsetzung von Leistungsstandards" anzweifeln, wird verständlich.
Moderne u.v.a. erfolgreiche Bildungsstrategien als "Technokratie" zu diffamieren, ist der untaugliche Versuch untauglicher Erzieher.
Die PISA-Studie hat nur vordergründig die Defizite der Heranwachsenden gezeigt - in Wahrheit wurde ein inzwischen untaugliches Erziehungs- und Bildungswesen entblößt.
PS:
Leider ist mir der Wechsel von der Berufsschule zurück in die Wirtschaft bisher nicht gelungen, so dass ich am Montag wieder versuchen werde, 20-jährigen Realschülern den wahrscheinlich niemals solide vermittelten Lehrstoff der 8. Klasse zu "wiederholen" :(
Bieler
# Böhlke (Gast) antwortete am 1. Sep, 23:23:
Starker Tobak
Und Sie haben ja sooo Recht.Die IHK-Prüfungsinhalte für Fachinformatiker und IT-Systemkaufleute sind sowas zum Lachen :(
Dass trotzdem viele Azubis durchfallen, hat mit dem m.E. berechtigtem Desinteresse an längst bedeutungslos gewordenen Lehrplan-Inhalten zu tun, welche von den Kammern verlangt bzw. geprüft werden. Die Sinnlosigkeit des Unterrichts und entsprechender Prüfungsfragen wird sofort deutlich, wenn man etwas in den Anforderungen von Stellenangeboten stöbert. Da werden von den Azubis Dinger erwartet, von denen viele Lehrer nie etwas gehört haben.
Leider sind von diesen Verirrungen nicht nur die IT-Fächer betroffen!
Bedauerlicherweise muss ich Sie ergändend korrigieren: auch in Fächern wie Deutsch, Englisch und Mathe werden massive Mängel in der schulischen Stoffvermittlung erkennbar.
Die Folge sind inflationär vergebene Zensuren, was wiederum zur Folge hat, dass (Berlin-Brandenburger) Abschlusszertifikate an Wert und Anerkennung verlieren und sich die oben angemahnten Chancen für die frisch "Ausgebildeten" automatisch und dramatisch verringern.
Kontraproduktiv und lächerlich wirken politische Stimmen, die den Unternehmen die fachlichen Ansprüche an einzustellende Azubis vorschreiben möchten. Gar mit Geldstrafen drohen, wenn keine geeigneten Bewerber gefunden wurden. Nach dem Motto: Die Wirtschaft hat ihre Ansprüche zu senken, weil staatliche Behörden regelmäßig versagen. Diese Regelmäßigkeit entsteht dadurch, dass die behördlichen Mitarbeiter in ihren Funktionen verbleiben und eventuelle Fehler wiederholen dürfen.
Bezieher von lebenslang gesicherten Einkommen maßen sich an, demokratische Forderungen im Interesse derer zu formulieren, denen sowohl das Recht, als auch jede Chance auf Langzeit-Arbeitsstellen bereits in der Jugend verdorben und auch prinzipiell abgesprochen wird.
Verantwortung für eigene Fehler übernehmen, gar Prüfung der eigenen Fach-Kompetenz?
Bestimmte Berufsgruppen fürchten es "wie der Teufel das Weihwasser" und faseln von Chancengleichheit.
Ach - Sie haben ja soo Recht.
Nett, dass wir mal darüber gesprochen haben ...
# Rudnick (Gast) antwortete am 5. Sep, 12:48:
Replik persönlich
Ihren Text fand ich nicht ganz zufällig.Abgesehen vom richtigen Inhalt, dem nichts hinzuzuführen ist, ein Wort an Sie persönlich (als dem Älteren ist dies erlaubt): Mit klarer, deutlicher und sogar offener Kritik lassen sich keine Probleme lösen, sie klingt nur gut. Dies ist meine Erfahrung. Als damals neuer und ausgewiesener - wie man inzwischen weiß - Fachmann hätten Sie die Verhältnisse mit etwas diplomatischem Geschick vielleicht ändern können. Es ist nicht leicht mit Mitarbeitern, gar Vorgesetzten zu diskutieren, deren akademisches Niveau sich weit unter dem eigenen befindet, welche eben keine Fachkollegen sind im eigentlichen Sinn.
Ein radikales Ausmerzen inkompetenter Mitarbeiter ist nicht möglich, im Gegenteil: Sie sind gegangen und alles bleibt wie es war.
So dass auch ich " ... wieder versuchen werde, 20-jährigen Realschülern den wahrscheinlich niemals solide vermittelten Lehrstoff der 8. Klasse ..."
Mit freundlichen Grüßen








