BildungsBlog
Community-Weblog rund um Bildung, Lernen und Lehren.
 
Alle registrierten NutzerInnen können Beiträge und Kommentare schreiben.  [Info]
ArbeiterKind.de setzt sich für eine Kultur der Ermutigung in Deutschland ein

Simone und Yvonne verlassen die Schule mit einem guten Abi – Simone beginnt ein Studium, Yvonne macht eine Lehre. Warum?

Ein Blick auf ihre Herkunft lohnt sich. Denn oft spielt eine entschiedene Rolle, welchen Bildungsweg die Eltern gegangen sind: Laut der aktuellen Sozialstudie des deutschen Studentenwerks nehmen von 100 Akademikerkindern 83 ein Hochschulstudium auf. Dagegen studieren von 100 Kindern nicht-akademischer Herkunft lediglich 23, obwohl doppelt so viele die Hochschulreife erreichen.

Nicht nur in Anbetracht der Chancengleichheit ein Armutszeugnis, auch in Hinblick auf den steigenden Bedarfs an Hochqualifizierten ein problematische Schieflage.

Ein Missverhältnis, gegen das die Initiative „ArbeiterKind.de“ kämpft. Im Mai 2008 von Katja Urbatsch gegründet, stößt ArbeiterKind.de auf enormes Interesse: Heute setzen sich über 1.000 ehrenamtliche Mentoren dafür ein, Kinder aus nicht-akademischen Familien zum Studium zu ermutigen und über ihre Möglichkeiten wie z.B. Stipendien zu informieren. In der kurzen Zeit des Bestehens wurde ArbeiterKind.de vielfach mit Preisen ausgezeichnet*.

Im Interview geht Katja Urbatsch auf die Fragen von Verena Kurth, private Berufsberaterin (www.ihr-kompass.com) und Mitglied im Deutschen Verband für Bildungs- und Berufsberatung (dvb) e.V., auf die Arbeit von ArbeiterKind.de ein:

Verena Kurth: Frau Urbatsch, wie erklären Sie sich den großen Zuspruch, den Ihre Initiative erfährt?

Katja Urbatsch: In der Wirtschaft würde man sagen, wir haben eine „Marktlücke“ entdeckt und gefüllt. Die Gruppe der Nicht-Akademikerkinder wurde mit ihren spezifischen Problemen beim Bildungsaufstieg bisher kaum wahrgenommen. Zudem ist die Initiative aus den konkreten Erfahrungen von Studierenden und Absolventen aus nicht-akademischen Familien entstanden, sodass sich viele damit identifizieren können. Und da wir von unseren eigenen Erfahrungen ausgehen, können wir auch viel konkretere und praktischere Lösungswege aufzeigen.

Verena Kurth: Was sind Ihrer Meinung nach die Gründe dafür, dass Kinder aus nicht-akademischem Elternhaus die Universität meiden?

Katja Urbatsch: Da kommen meist mehrere Gründe zusammen. Zum einen werden Kinder natürlich sehr von ihrem Umfeld geprägt und sehen erstmal die Berufe, die ihre Eltern und Verwandten ausüben. Zudem empfehlen natürlich auch viele Eltern, den Berufsweg, den sie selbst gegangen sind. Das heißt Eltern, die studiert haben, empfehlen ein Studium und Eltern, die eine Ausbildung absolviert haben, eben eine Ausbildung. In nicht-akademischen Familien fehlen einfach die Vorbilder, die studiert haben, zum Studium ermutigen und Hilfestellung geben. Zum anderen besteht oft große Unsicherheit bezüglich der Studienfinanzierung. Viele haben zwar schon mal vom BAföG gehört, aber häufig auch Angst, Schulden zu machen.

Verena Kurth: Sie selbst sind mit Ihrem Bruder die ersten in Ihrer Familie gewesen, die studiert haben. An welchen Stellen stießen Sie wegen Ihrer Herkunft auf Hürden?

Katja Urbatsch: Ich habe bereits zu Beginn des Studiums gemerkt, dass meine Freundinnen aus akademischen Familien sehr viel Unterstützung und Ratschläge von ihren Eltern erhalten. Da ging es dann um die Hilfe beim Schreiben einer wissenschaftlichen Hausarbeit, einem Referat oder auch bei der Anregung, sich doch mal um ein Stipendium zu bewerben. Von den Stipendien der Begabtenförderwerke habe ich erst im vierten Semester erfahren als es schon zu spät war. Dafür habe ich mich dann um ein Auslandsstipendium beim DAAD beworben. Und auch hier habe ich bei den Bewerbungsgesprächen gemerkt, dass meine Mitbewerber von ihren Eltern beim Verfassen des Motivationsschreibens unterstützt wurden und Tipps für das Interview bekommen haben.

Verena Kurth: Was muss sich ändern und wie arbeitet Ihre Initiative auf dieses Ziel hin?

Katja Urbatsch: Die Bildungsperspektiven von Kindern sollten nicht mehr länger vom sozialen Hintergrund abhängen. Anstand auf den sozialen Hintergrund, sollten wir auf das häufig versteckte Potenzial von Kindern und Jugendlichen schauen, an sie glauben und sie fördern. Außerdem müssen wir Schülerinnen und Schüler viel mehr darin bestärken, ihr Potenzial zu nutzen und ihnen Bildungsperspektiven aufzeigen. Unsere Mentoren gehen in die Schulen, führen Informationsveranstaltungen durch, erzählen von ihren Erfahrungen und fungieren als Vorbilder, indem sie sagen: „Ich habe es geschafft und Du kannst es auch schaffen! Gerne helfe ich Dir dabei!“

Verena Kurth: Wie schätzen Sie die Unterstützung für Arbeiterkinder in Beratungsstellen, wie z.B. der Agentur für Arbeit, ein? Sehen Sie hier Verbesserungsmöglichkeiten?

Katja Urbatsch: Die Beratung hängt – wie immer – von den jeweiligen Beratern ab. Es gibt sehr engagierte Beraterinnen und Berater, die Nicht-Akademiker zum Studium ermutigen und sie hervorragend beraten oder sogar an uns weiterleiten. Aber leider gibt es auch Berater, die Nicht-Akademikerkindern per se vom Studium abraten. Gerade hatte ich leider wieder so einen Fall. Zum Glück hat sich diese Abiturientin an uns gewannt und beginnt nun in Oktober ihr Studium. Sie wird den BAföG-Höchstsatz bekommen und hat sich auch um ein Stipendium bei der Hans-Böckler-Stiftung beworben.

Verena Kurth: Sind es in erster Linie Abiturienten und Studenten, die sich an ArbeiterKind.de wenden? Wie stehen Lehrer und Eltern Ihrem Angebot gegenüber?

Katja Urbatsch: In erster Linie wenden sich natürlich Abiturienten und Studenten an uns, da wir diese direkt ansprechen. Aber wir erhalten auch Anfragen von Eltern, insbesondere Müttern, die ihre Kinder unterstützen möchten. Zudem melden sich auch Lehrer bei uns und laden uns in Ihre Schulen ein.

Verena Kurth: Frau Urbatsch, Sie waren gerade in den USA, um für Ihre Promotionsarbeit zu forschen. Stellen Sie dort eine andere Kultur der Förderung von Arbeiter-kindern fest? Was können wir von anderen lernen?

Katja Urbatsch: In der amerikanischen Kultur ist natürlich der Bildungsaufstieg mit dem so genannten „Amerikanischen Traum“ fest verankert. Ich denke, wir sollten von den Amerikanern deren positive Einstellung gegenüber dem Bildungsaufstieg und ihre Kultur der Ermutigung übernehmen. Wenn Sie dort nach Grußkarten suchen, finden Sie eine große eigene Kategorie für „Encouragement“, also Ermutigungs-Karten: „Mach’ weiter, glaub’ an Dich, Du kannst es schaffen!“ Außerdem gibt es aber auch viel mehr Beratungsangebote an amerikanischen Schulen und Universitäten. In den Schulen und Hochschulen gibt es eigene Berater für die Zusammenstellung des Stundenplans, für die Karriereplanung und sehr viele weitere Service Angebote. Als ich während meiner Studienzeit in den USA ein Problem mit einer Hausarbeit hatte, konnte ich einfach einen Termin in einem „Writing Center“ vereinbaren. Solche und weitere kostenlose Beratungsangebote sollte es auch viel mehr in Deutschland geben.

Verena Kurth: Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg und bedanke mich für das Interview.

---

* ArbeiterKind.de wurde bereits mit dem „Engagementpreis 2008“ des Vereins der ehemaligen Stipendiaten der Friedrich-Ebert-Stiftung und als „Ausgewählter Ort 2009“ im Rahmen des Wettbewerbs „Deutschland – Land der Ideen“ unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Horst Köhler sowie im Wettbewerb „startsocial2008“ unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel als eines der besten 25 Projekte ausgezeichnet. Am 6. Oktober 2009 ist Katja Urbatsch ist als eine von sieben deutschen Social Entrepreneurs 2009 in das weltweite Fördernetzwerk von Ashoka aufgenommen worden.


Weitere Informationen unter www.ArbeiterKind.de.
Interview und weiter Informationen zum Thema unter
www.kompass-blog.de

Kommentare:

Kommentar verfassen

 
 
AGBs twoday
powered by Antville powered by Helma
Valid RSS
Valid XHTML
Valid CSS
Technorati Link Cosmos
scienceblog
Educational Blogger Network
blogtree