BildungsBlog
Community-Weblog rund um Bildung, Lernen und Lehren.
 
Alle registrierten NutzerInnen können Beiträge und Kommentare schreiben.  [Info]

Roswitha Eisentraut beschäftigt sich in ihrer Dissertation zu intergenerationellen Projekten mit drei Forschungsfragen. Erstens geht es ihr darum zu untersuchen, wo intergenerationelle Projekte initialisiert werden und auf welchen Handlungsfeldern sie basieren. Zweitens untersucht Eisentraut die Frage nach der Motivation für die Initialisierung bzw. für die Teilnahme an intergenerationellen Projekten. Drittens und letztens steht die Frage nach den Wirkungen von intergenerationellen Projekten im Vordergrund.

Die Arbeit gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil werden theoretische Ansätze und gesellschaftliche Rahmenbedingungen reflektiert. Zunächst beschreibt Eisentraut gesellschaftliche Veränderungsprozesse durch den demografischen Wandel, um vor diesem Hintergrund verschiedene Zugänge zur Generationenthematik zu eröffnen. Anschließend beschäftigt sich die Autorin mit intergenerationellen Bildungs- und Anerkennungsprozessen, da sie hier die Annahme zugrunde legt, dass beide Prozesse für intergenerationelle Projekte eine herausragende Rolle spielen. Im Kontext der Bildungsprozesse bezieht sich Eisentraut zunächst auf die von Schleiermacher gestellte Frage „Was will die ältere Generation von der jüngeren?“ und deren Umkehrung nach Sünkel (vgl. S. 67). Besonders interessant erscheint der Punkt „Intergenerationelle Bildungsprozesse: ein Theoretischer Ansatz“, in welchem intergenerationelle Bildungsprozesse im Spannungsfeld zwischen individuellen und kollektiven Lernprozessen beschrieben werden. Zur Beschreibung intergenerationeller Anerkennungsprozesse zieht Eisentraut zunächst Charles Taylor hinzu, für den Anerkennung nur durch das Gegenüber in Form von konkreten oder generalisierten Anderen möglich ist. Anschließend beschreibt sie mit Anthony Giddens Anerkennungsprozesse im Kontext der Weitergabe von Tradition. Vor diesem theoretischen Hintergrund wird zwischen bürgerschaftlichem und freiwilligem Engagement differenziert.

Nach diesem theoretisch fundierten ersten Teil stellt die Autorin in Teil B nun ihre eigene qualitative Untersuchung vor. In einer ostdeutschen Großstadt wurden zehn Generationenprojekte – von denen manche allerdings auch eher implizit intergenerationell angelegt sind – untersucht. Zum einen wurden problemzentrierte Interviews mit den Projektleitungen durchgeführt und zum anderen wurden einzelne Teilnehmende der Projekte befragt. Die erste Forschungsfrage nach den Orten der Initialisierung wird durch die Beschreibung der Einzelprojekte und eine Analyse der Anbieter und – Teilnehmerstrukturen beantwortet. Die Analyse der Interviews ergab darüber hinaus, dass für die Projektleitung Bildungs-, Kontakt- und Konfliktabbaumotive ausschlaggebend für die Initialisierung eines Projekts sein können, während für die Teilnehmenden der Wunsch nach Kontakten und Kommunikationsmöglichkeiten im Vordergrund steht. Insgesamt wird hier deutlich, dass für die Teilnehmenden – anders als die Projektleitungen – persönliche Motive wie Selbstverwirklichung oder Krisenverarbeitung von besonderer Relevanz sind. Die Wirkungen intergenerationeller Projekte lassen sich nach Eisentraut sowohl auf der Ebene der Träger sowie auf der Ebene der Projektstrukturen zeigen. Die Teilnehmenden geben wiederum vor allem persönliche Wirkungen an, die in den Kontext von intergenerationellen Bildungs- und Anerkennungsprozessen einzuordnen sind. Beispielsweise reden die Teilnehmenden häufig davon, ein gutes Gefühl des „Gebraucht-Werdens“ zu empfinden. Umgekehrt wird in einzelnen Fällen auch davon gesprochen, keine Wertschätzung, und keine Anerkennung zu erhalten, so zum Beispiel eine Lesepatin im Kindergarten, die von der Einrichtung bestenfalls geduldet wird. Abschließend zu diesem zweiten Teil benennt die Autorin idealtypische Merkmale intergenerationeller Projekte.

Im dritten und letzten Teil wird der Diskurs um intergenerationelle Projekte in den USA herausgearbeitet, um mögliche Vergleichspunkte zu den deutschen Diskussionen zu identifizieren. In diesem Teil wird deutlich, dass die Generationenthematik schon ein lang institutionalisiertes Feld im Bereich der Freiwilligenarbeit ist. Anders als in Deutschland geht hier die Argumentation stärker davon aus, dass gerade die ältere und jüngere Generationen von den Auswirkungen eines schnellen gesellschaftlichen Wandels betroffen sind und daher ein Engagement füreinander als wünschens- und erstrebenswert betrachtet wird.

Insgesamt ist die Dissertation gut aufgebaut, auch wenn nicht ganz klar ist, warum die Beschreibung des amerikanischen Diskurses erst nach der eigentlichen empirischen Untersuchung folgt. Im ersten Teil werden theoretische Grundlagen gelegt, die in der Analyse der Aussagen der Projektleitungen und Teilnehmenden wieder als Hintergrundfolie hinzugezogen werden. An manchen Stellen wäre es schön gewesen, vertieft auf den hergestellten Zusammenhang zwischen theoretischem Kontext und empirischer Untersuchung einzugehen. Die Arbeit bietet einen guten Überblick über intergenerationelle Projekte und deren mögliche Motivations- und Wirkungsstrukturen. Damit bildet diese Arbeit eine erste empirische Grundlage zur Erforschung intergenerationeller Projekte, aus der sich vielfältige Anschlussmöglichkeiten ergeben.
Julia Franz

Name

Url

Meine Eingaben merken?

Titel:

Text:


JCaptcha - du musst dieses Bild lesen können, um das Formular abschicken zu können
Neues Bild

 

 
 
AGBs twoday
powered by Antville powered by Helma
Valid RSS
Valid XHTML
Valid CSS
Technorati Link Cosmos
scienceblog
Educational Blogger Network
blogtree