Medienmanagement im Schulsystem (tut Not)
Integrieren - Strukturieren - Kooperieren
von Raimond Schmahl, Leverkusen
1. Provokation einer Fehlentwicklung
Die Euphorie in Sachen Neue Medien scheint mittlerweile verflogen zu sein.
Was als Ausweg einer sich abzeichnenden Bildungsmisere propagiert wurde, stellt sich im Ergebnis meist ernüchternd als ein umfangreiches Investitionsprogramm für die Computer-Industrie und in der Folge als gern gesehene Ausstattungsoffensive für Schulen heraus.
Mit der Einrichtung supercooler Informatikräume haben Schulpolitiker und öffentliche Verwaltungen in vielen weiterführenden Schulen ganze Arbeit geleistet – nebenbei damit dem High-Tech-Lebensgefühl Jugendlicher schmeichelnd!
In Fachzeitschriften sind im gleichen Zeitraum auch andere Hinweise zu finden: Mehrere Studien beklagen das Schwinden der Fähigkeit von Schülern, Texte sinnhaft aufzunehmen, wiederzugeben und in einen bereits vorhandenen Wissenshorizont einzuordnen.
Zudem scheint sich in den Schulen allgemeine Lesemüdigkeit als heimliche Lernhaltung breitzumachen: Angebote der Bildschirmmedien gelten als cool – andere Lern- und Erfahrungswelten als von gestern!
Plastisch lässt sich das Dilemma so umreißen:
Im Internet zu surfen, dort oft nur Anhaltspunkte für vermeintliche Informationen zu finden, diese Fundstücke ungeachtet der Quelle auszudrucken und meist ungelesen abzuheften – bedeutet eben nicht verstehend und strukturierend, lernend voranzukommen, sondern in der Logik einer Maschine Zusammenhangloses aufzuhäufen.
Was läuft also falsch im technologisch aufgepeppten Lernalltag von Schulen?
An den zweifellos bahnbrechenden und produktiven Möglichkeiten von neuen Informationstechnologien kann es nicht liegen!
Eine erste Antwort auf die genannten Ungereimtheiten könnte vielleicht so lauten: Das leidenschaftlich vorgetragene Plädoyer für eine technologische Bildungsoffensive mittels Computereinsatz und Internet-Gebrauch leidet von Anfang an und bis heute an Technikgläubigkeit und unterschwelliger Arroganz gegenüber bisherigen Strategien des klassischen Wissenserwerbs – beispielweise über Print- oder AV-Medien.
Greifbar ist dies auch an dem immer noch andauernden Dissens zwischen sich traditionell verstehenden Lehrmeistern und entrückten Informatikern in vielen Bildungseinrichtungen.
Mit dem Einsatz von Lernsoftware und Internet scheint die Lernkultur von Informieren, Wissen und Verstehen ganz offensichtlich nicht erneut bei Null anzufangen.
Wenn eine vielfältigere Information und ein noch tieferes Verständnis darüber das Bildungsziel sein soll, kann nur das integrierende Arbeiten mit klassischen und neuen Medien der Weg dorthin sein!
2. Schulen im Strudel der Medien
Das klassische Schulbuch - bezogen auf Schulformen und Jahrgangsstufen, kultusministeriell abgesegnet - bildet seit Jahrzehnten und auch heute noch die formale Grundlage schülerzentrierter Lernanstrengungen:
Kanonisiertes Wissen zu einem Unterrichtsfach oder Themenfeld.
Seit den ersten Tagen der Herausgabe selektierter, empfohlener Wissensbestände hat sich vieles geändert, was deren Monopolcharakter angeht.
Hinzugekommen sind vor allem Originalquellen, die Authentizität und Nähe zur Jetztzeit als Motivationsfaktor im Unterrichtsgeschehen nicht nur suggerieren sollen, sondern auch tatsächlich schaffen können.
Die in Schulen überbordende Flut verbreiteter Kopien von Arbeitsblättern, Zeitungsausschnitten etc. veranschaulicht schulgeschichtlich einen Quantensprung, beschreibt zugleich ein neu entstandenes Problem des Informationsüberflusses, wodurch systematisches Lernen aus der Obhut überregulierter Stoffauswahl häufig in den Zustand der Beliebigkeit und Zufälligkeit entlassen wird.
Förmlich multimedial entgrenzt - tritt den Schulen im Speziellen, wie auch der Gesellschaft insgesamt, eine sich stetig vervielfältigende Wissensbasis gegenüber, die immer weniger für einen sinnvollen, systematischen Lernzuwachs aus sich selbst heraus sorgt, dafür umso mehr für den schnellen Umschlag von Medienwaren auf einem Massenmarkt.
Lehrer und Schüler – als Materialsuchende einerseits und wechselseitig Lernende andererseits - sehen sich einer Informationslawine ausgesetzt,aus der brauchbarer content für einen systematischen Wissens- und Erfahrungsprozess so ohne weiteres nicht zu destillieren ist.
Deutlich jenseits der Schwelle zum audiovisuellen Zeitalter - lässt die Mediengesellschaft demzufolge Lehrer wie Schüler zu eigenen Programmdirektoren ihrer Lern- und Lehranstrengungen werden.
Man mag dies in einem demokratischen Sinne als befreiend und längst überfällig ansehen. Planvoller Medienauswahl und erst recht zielgerichtetem Lernen ist die sogenannte Informationsgesellschaft und ihre Begleiterscheinungen – ohne Schaffung dafür notwendiger Voraussetzungen – eher hinderlich.
Damit sind wir beim Problem und zugleich der Herausforderung bei denjenigen angelangt, die in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, qua Aufgabenstellung professionell Schneisen in den Dschungel der Information zu schlagen haben.
Gemeint sind die im Umkreis von Lehr- und Lerninstitutionen Tätigen (meist ohne Lehraufgaben), welche aus dem auflaufenden Medienmaterial speziell das für Bildungsprozesse einsetzbare zu selektieren, zu dokumentieren und strukturiert anzubieten haben.
Wir sprechen über ein Arbeitsfeld, in dem von durchaus qualifizierten Personen in verschiedenen Bereichen unkoordiniert an den beschriebenen informationellen Herausforderungen der Zukunft sozusagen herumgedoktert wird.
Hier zwei Beispiele, die das Dilemma verdeutlichen:
Beispiel: Schulbibliotheken
Diese knappe Analyse zeigt schon, dass Lehrer und Schüler in ihrem institutionellen Lehr- und Lernzusammenhang auf medienintegrierenden Zugriff auf Information und Anschauung so nicht rechnen dürfen – wohlwissend, dass für sie ein Kosmos unterschiedlicher Medienarten außerhalb des Schulraumes wie selbstverständlich existiert.
3. Medienintegration als schulpraktische Aufgabe
Sich wiederholende Erlebnisse in weiterführenden Schulen: Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe I stürmen aus ihrem Klassenraum mit dem Auftrag des Lehrers im Ohr, bitte einmal im Internet-Raum nach Informationen zum Thema Olympiade zu recherchieren.
Im dabei meist entstehenden allgemeinen Tohuwabohu geht die eigentliche Ursache für die lautsstarke Verwirrung über den eben erteilten Recherche-Auftrag verloren.
Was sich auf den ersten Blick vom Gedanken her - als für den modernen Unterricht fortschrittlich - erschließt, kommt in den Köpfen der Schüler als voraussetzungslose Aufforderung an, in einer x-beliebigen Suchmaschine des Internets möglichst schnell den Begriff Olympiade einzugeben.
Das den Schülern dabei die Fülle der gefundenen Quellen nur so um Augen und Ohren fliegt, darauf ist im Vorfeld der Unterrichtsplanung offensichtlich kein Gedanke verschwendet worden!
Das Internet gilt mittlerweile im Verständnis mancher Lehrkräfte als die omnipotente, stets aktuelle Informationsquelle, auf die ein zeitgemäßer Unterricht doch wohl hin zu orientieren habe.
Damit tappen alle die an einem solchen Lernprozess Beteiligten in eine Falle, die sie sich selbst gestellt haben, indem sie den Gebrauch und die Auswertung klassischer Medien mittlerweile von vorneherein als unzweckmäßig und im informationstechnologischen Sinne mehr und mehr als anachronistisch auffassen.
Auf den Schatz der an vielen Stellen in einer Schule verstreuten Informationen wird bei Recherchen oft in vielen Fällen verzichtet – gibt es doch im weltumspannenden Datennetz scheinbar alle notwendigen Bilder, Texte und Töne stets aktuell at your fingertipps.
Welch ein Irrweg, der die Konfusion in den Köpfen der Schüler nur noch vergrößert, anstatt Informationen medial vielfältig, systematisch und strukturierend - auf viele Quellen bezogen – aufbauen zu helfen!
4. Zusammenführen vorhandener Ressourcen und Möglichkeiten
Fassen wir die aktuelle Diskussion über das Verhältnis von Medienverwendung und Schule zusammen, finden wir entweder die Situation defizitären Lern- bzw. Informationsverhaltens bei Schülern skizziert oder stoßen auf die bedingungslose Protegierung moderner Informationstechnologien. Auffallend ist, dass sich die auf diesen Themenkomplex beziehenden Professionen und Arbeitsfelder nahezu stumm verhalten, keinesfalls aber gemeinsame konzeptionelle Auswege aus dem Dilemma oftmals parallel verlaufender Bezugssysteme zu suchen gedenken.
Werden hier Statusängste derjenigen wirksam, die in hermetisch gegeneinander abgeschotteten Tätigkeitsfeldern arbeiten und auch trotz triftiger intermedialer Notwendigkeiten weiterwursteln wollen?
Gleichwohl – angesichts chronischer öffentlicher Sparhaushalte in den nächsten Jahren werden strukturelle Veränderungen im Bereich schulischer Medienversorgung und koordinierter Medienverwendung unumgänglich sein.
Das fiskalisch Notwendige mit dem jetzt konzeptionell und strukturell Gebotenen zu kombinieren, heißt liebgewonnene Berufsbilder aufzubrechen, Begrenzungen aufzuheben und medien-integrierendes Arbeiten an den Orten zuzulassen, wo Daten, Bilder und Töne in den Köpfen der nach Information Suchenden längst schon zusammengehören.
Abschließend also ein thesenartiger Blick auf die zu errichtenden Baustellen im Bereich >Schule – Information – Medien<:
4. 1 Mit Medien in der Schule integrativ arbeiten und lernen
Die Informationsbeschaffung und –verarbeitung auf digitalen Plattformen ist aus dem Ghetto der (kulturloser!) Informatik-Räume zu befreien und da integrativ anzusiedeln, wo klassische Medien einen Platz gefunden haben.
Informationstechnische Medien können dort ihre eigenen multimedialen Qualitäten entfalten und übernehmen im intermedialen Zusammenhang eine Brückenfunktion, indem sie als Datenrechner Informationsbeziehungen zu allen greifbaren Medien knüpfen:
> Katalogisieren > Recherchieren.
In der räumlich-organisatorisch herzustellenden Nähe klassischer Medien (Buch / Video / sonstige Print-Materialien) zu den neuen informationstechnischen Medien (Online- / Offline-Medien) liegt auch die Chance, ähnliche Wissensinhalte in unterschiedlichen Medienformaten zu Medienpaketen zu bündeln und ständig aktuell zu halten.
Der Bestandsaufbau muss sich medial breitgefächert in der Weise vollziehen, dass die Ergänzungsfunktionen und Vorzüge unterschiedlicher Medienarten in den Themenfeldern zum Tragen kommen (Medienmix).
Innerhalb dieser Mediensammlungen erhalten schulische Medienproduktionen (Jahres- und Facharbeiten der SchülerInnen / schulisch entwickelte Unterrichtsreihen) einen herausragenden Platz.
4. 2 Medienmanagement schulübergreifend - als Leitidee
Was sich auf der Ebene großer weiterführender Schulen an medien-integrativem Management räumlich-organisatorisch möglicherweise relativ leicht realisieren ließe, bedeutet unter schulübergreifenden Aspekten einen erheblichen Aufwand an Kooperation und gewollter Grenzüberschreitung der Medienmitarbeiter.
Stellvertretend sind von ihnen - aus dem Blickwinkel schulischer Medienkunden - weitere Kooperationspartner außerhalb ihrer Stammschule zu finden, die eine noch differenziertere Medienvielfalt herstellen helfen.
Dass sich in regional wie überregional ergänzenden Medienarchiven (Landesmedienzentren etc.) komfortabel recherchieren und fernleihen lässt, gilt meist nicht für das Finden und Nutzen von Medienbeständen in benachbarten Schulen.
Bundesweit arbeiten nur einige wenige Kommunen und Landkreise in schulbibliothekarischen Arbeitskreisen daran, die mit erheblichen Kosten für Einzelschulen beschafften Medienbestände sowohl nach innen als auch in andere Schulöffentlichkeiten hinein zu dokumentieren und übergreifend über eine einen abrufbaren Medienkatalog online zu vernetzen.
Die dafür internetfähige Datenbank-Software zum Nachweis von Medien jeglicher Art ist längst auf dem Markt.
Tröstlich am Ende, dass zumindest die Informationstechnik als Werkzeug schon bereit ist, gerade in Zeiten öffentlicher Sparhaushalte – schulübergreifende Medienkooperationen zu ermöglichen, um mit dem notwendigen Medienmanagement zu beginnen.
Nachtrag 2005:
Eine gute Nachricht aus dem Lahn-Dill-Kreis in Hessen, wo schulisches Medienmanagement offensichtlich auf gutem Wege ist.
© 2004 Raimond Schmahl, Leverkusen (www.medien-fuer-LEV.de)
Klarstellung: Dies ist eine persönlicher Beitrag des Autoren Raimond Schmahl und keine Meinungsäußerung auf Veranlassung der MedienBeratung Schulen der Stadt Leverkusen
Integrieren - Strukturieren - Kooperieren
von Raimond Schmahl, Leverkusen
1. Provokation einer Fehlentwicklung
Die Euphorie in Sachen Neue Medien scheint mittlerweile verflogen zu sein.
Was als Ausweg einer sich abzeichnenden Bildungsmisere propagiert wurde, stellt sich im Ergebnis meist ernüchternd als ein umfangreiches Investitionsprogramm für die Computer-Industrie und in der Folge als gern gesehene Ausstattungsoffensive für Schulen heraus.
Mit der Einrichtung supercooler Informatikräume haben Schulpolitiker und öffentliche Verwaltungen in vielen weiterführenden Schulen ganze Arbeit geleistet – nebenbei damit dem High-Tech-Lebensgefühl Jugendlicher schmeichelnd!
In Fachzeitschriften sind im gleichen Zeitraum auch andere Hinweise zu finden: Mehrere Studien beklagen das Schwinden der Fähigkeit von Schülern, Texte sinnhaft aufzunehmen, wiederzugeben und in einen bereits vorhandenen Wissenshorizont einzuordnen.
Zudem scheint sich in den Schulen allgemeine Lesemüdigkeit als heimliche Lernhaltung breitzumachen: Angebote der Bildschirmmedien gelten als cool – andere Lern- und Erfahrungswelten als von gestern!
Plastisch lässt sich das Dilemma so umreißen:
Im Internet zu surfen, dort oft nur Anhaltspunkte für vermeintliche Informationen zu finden, diese Fundstücke ungeachtet der Quelle auszudrucken und meist ungelesen abzuheften – bedeutet eben nicht verstehend und strukturierend, lernend voranzukommen, sondern in der Logik einer Maschine Zusammenhangloses aufzuhäufen.
Was läuft also falsch im technologisch aufgepeppten Lernalltag von Schulen?
An den zweifellos bahnbrechenden und produktiven Möglichkeiten von neuen Informationstechnologien kann es nicht liegen!
Eine erste Antwort auf die genannten Ungereimtheiten könnte vielleicht so lauten: Das leidenschaftlich vorgetragene Plädoyer für eine technologische Bildungsoffensive mittels Computereinsatz und Internet-Gebrauch leidet von Anfang an und bis heute an Technikgläubigkeit und unterschwelliger Arroganz gegenüber bisherigen Strategien des klassischen Wissenserwerbs – beispielweise über Print- oder AV-Medien.
Greifbar ist dies auch an dem immer noch andauernden Dissens zwischen sich traditionell verstehenden Lehrmeistern und entrückten Informatikern in vielen Bildungseinrichtungen.
Mit dem Einsatz von Lernsoftware und Internet scheint die Lernkultur von Informieren, Wissen und Verstehen ganz offensichtlich nicht erneut bei Null anzufangen.
Wenn eine vielfältigere Information und ein noch tieferes Verständnis darüber das Bildungsziel sein soll, kann nur das integrierende Arbeiten mit klassischen und neuen Medien der Weg dorthin sein!
2. Schulen im Strudel der Medien
Das klassische Schulbuch - bezogen auf Schulformen und Jahrgangsstufen, kultusministeriell abgesegnet - bildet seit Jahrzehnten und auch heute noch die formale Grundlage schülerzentrierter Lernanstrengungen:
Kanonisiertes Wissen zu einem Unterrichtsfach oder Themenfeld.
Seit den ersten Tagen der Herausgabe selektierter, empfohlener Wissensbestände hat sich vieles geändert, was deren Monopolcharakter angeht.
Hinzugekommen sind vor allem Originalquellen, die Authentizität und Nähe zur Jetztzeit als Motivationsfaktor im Unterrichtsgeschehen nicht nur suggerieren sollen, sondern auch tatsächlich schaffen können.
Die in Schulen überbordende Flut verbreiteter Kopien von Arbeitsblättern, Zeitungsausschnitten etc. veranschaulicht schulgeschichtlich einen Quantensprung, beschreibt zugleich ein neu entstandenes Problem des Informationsüberflusses, wodurch systematisches Lernen aus der Obhut überregulierter Stoffauswahl häufig in den Zustand der Beliebigkeit und Zufälligkeit entlassen wird.
Förmlich multimedial entgrenzt - tritt den Schulen im Speziellen, wie auch der Gesellschaft insgesamt, eine sich stetig vervielfältigende Wissensbasis gegenüber, die immer weniger für einen sinnvollen, systematischen Lernzuwachs aus sich selbst heraus sorgt, dafür umso mehr für den schnellen Umschlag von Medienwaren auf einem Massenmarkt.
Lehrer und Schüler – als Materialsuchende einerseits und wechselseitig Lernende andererseits - sehen sich einer Informationslawine ausgesetzt,aus der brauchbarer content für einen systematischen Wissens- und Erfahrungsprozess so ohne weiteres nicht zu destillieren ist.
Deutlich jenseits der Schwelle zum audiovisuellen Zeitalter - lässt die Mediengesellschaft demzufolge Lehrer wie Schüler zu eigenen Programmdirektoren ihrer Lern- und Lehranstrengungen werden.
Man mag dies in einem demokratischen Sinne als befreiend und längst überfällig ansehen. Planvoller Medienauswahl und erst recht zielgerichtetem Lernen ist die sogenannte Informationsgesellschaft und ihre Begleiterscheinungen – ohne Schaffung dafür notwendiger Voraussetzungen – eher hinderlich.
Damit sind wir beim Problem und zugleich der Herausforderung bei denjenigen angelangt, die in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen, qua Aufgabenstellung professionell Schneisen in den Dschungel der Information zu schlagen haben.
Gemeint sind die im Umkreis von Lehr- und Lerninstitutionen Tätigen (meist ohne Lehraufgaben), welche aus dem auflaufenden Medienmaterial speziell das für Bildungsprozesse einsetzbare zu selektieren, zu dokumentieren und strukturiert anzubieten haben.
Wir sprechen über ein Arbeitsfeld, in dem von durchaus qualifizierten Personen in verschiedenen Bereichen unkoordiniert an den beschriebenen informationellen Herausforderungen der Zukunft sozusagen herumgedoktert wird.
Hier zwei Beispiele, die das Dilemma verdeutlichen:
Beispiel: Schulbibliotheken
- Bibliotheken – sofern sie überhaupt in den Schulen als Schulbibliotheken personell und finanziell in die Struktur eingearbeitet sind, existieren selbst an großen Schulen oft nur aufgrund des guten Willens von Eltern und der Lehrerschaft. Allerdings besitzen auch nur 15 % der deutschen Schulen eine solch kontinuierlich arbeitende Medieneinrichtung.
- Schulbibliotheken arbeiten meist streng inhouse-bezogen und ohne den heute dringend notwendigen Austausch innerhalb der zugehörigen Schulform in einer Stadt und ohne Kooperation mit übergreifenden örtlichen Bibliothekssystemen. Dies macht die wechselseitige Bereitstellung von Medien und erst recht eine vereinheitlichende Strategie zum Nachweis und Strukturierung der Medien unmöglich.
- Schulbibliotheken arbeiten in der Regel nur monomedial: Das Buch und nur das Buch bleibt das Maß aller Anstrengungen, um der Medienvielfalt einigermaßen Herr zu werden. Die Auswertung und Aufnahme von Videobändern und neuer digitaler Speichermedien zu einem abgerundeten Komplettangebot wird in den meisten Schulen nicht anvisiert oder schulterzuckend mit dem Hinweis auf Geldmangel übergangen.
- Die Medienzentren und Bildstellen der Städte und Landkreise konzentrieren sich von zentraler Warte auf die audiovisuellen Medienbedürfnisse der Schulen, bieten vielfältigen Beratungsservice, verzichten aber darauf, die große andere Hälfte der klassischen Medienwelt mit in den Blick zu nehmen. Eine Kooperation mit hier und da vorhandenen Schulbibliotheken wird geflissentlich nicht gesucht, möglicherweise möchte man eine schlafende Konkurrenz gar nicht erst stimulieren.
Diese knappe Analyse zeigt schon, dass Lehrer und Schüler in ihrem institutionellen Lehr- und Lernzusammenhang auf medienintegrierenden Zugriff auf Information und Anschauung so nicht rechnen dürfen – wohlwissend, dass für sie ein Kosmos unterschiedlicher Medienarten außerhalb des Schulraumes wie selbstverständlich existiert.
3. Medienintegration als schulpraktische Aufgabe
Sich wiederholende Erlebnisse in weiterführenden Schulen: Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe I stürmen aus ihrem Klassenraum mit dem Auftrag des Lehrers im Ohr, bitte einmal im Internet-Raum nach Informationen zum Thema Olympiade zu recherchieren.
Im dabei meist entstehenden allgemeinen Tohuwabohu geht die eigentliche Ursache für die lautsstarke Verwirrung über den eben erteilten Recherche-Auftrag verloren.
Was sich auf den ersten Blick vom Gedanken her - als für den modernen Unterricht fortschrittlich - erschließt, kommt in den Köpfen der Schüler als voraussetzungslose Aufforderung an, in einer x-beliebigen Suchmaschine des Internets möglichst schnell den Begriff Olympiade einzugeben.
Das den Schülern dabei die Fülle der gefundenen Quellen nur so um Augen und Ohren fliegt, darauf ist im Vorfeld der Unterrichtsplanung offensichtlich kein Gedanke verschwendet worden!
Das Internet gilt mittlerweile im Verständnis mancher Lehrkräfte als die omnipotente, stets aktuelle Informationsquelle, auf die ein zeitgemäßer Unterricht doch wohl hin zu orientieren habe.
Damit tappen alle die an einem solchen Lernprozess Beteiligten in eine Falle, die sie sich selbst gestellt haben, indem sie den Gebrauch und die Auswertung klassischer Medien mittlerweile von vorneherein als unzweckmäßig und im informationstechnologischen Sinne mehr und mehr als anachronistisch auffassen.
Auf den Schatz der an vielen Stellen in einer Schule verstreuten Informationen wird bei Recherchen oft in vielen Fällen verzichtet – gibt es doch im weltumspannenden Datennetz scheinbar alle notwendigen Bilder, Texte und Töne stets aktuell at your fingertipps.
Welch ein Irrweg, der die Konfusion in den Köpfen der Schüler nur noch vergrößert, anstatt Informationen medial vielfältig, systematisch und strukturierend - auf viele Quellen bezogen – aufbauen zu helfen!
4. Zusammenführen vorhandener Ressourcen und Möglichkeiten
Fassen wir die aktuelle Diskussion über das Verhältnis von Medienverwendung und Schule zusammen, finden wir entweder die Situation defizitären Lern- bzw. Informationsverhaltens bei Schülern skizziert oder stoßen auf die bedingungslose Protegierung moderner Informationstechnologien. Auffallend ist, dass sich die auf diesen Themenkomplex beziehenden Professionen und Arbeitsfelder nahezu stumm verhalten, keinesfalls aber gemeinsame konzeptionelle Auswege aus dem Dilemma oftmals parallel verlaufender Bezugssysteme zu suchen gedenken.
Werden hier Statusängste derjenigen wirksam, die in hermetisch gegeneinander abgeschotteten Tätigkeitsfeldern arbeiten und auch trotz triftiger intermedialer Notwendigkeiten weiterwursteln wollen?
Gleichwohl – angesichts chronischer öffentlicher Sparhaushalte in den nächsten Jahren werden strukturelle Veränderungen im Bereich schulischer Medienversorgung und koordinierter Medienverwendung unumgänglich sein.
Das fiskalisch Notwendige mit dem jetzt konzeptionell und strukturell Gebotenen zu kombinieren, heißt liebgewonnene Berufsbilder aufzubrechen, Begrenzungen aufzuheben und medien-integrierendes Arbeiten an den Orten zuzulassen, wo Daten, Bilder und Töne in den Köpfen der nach Information Suchenden längst schon zusammengehören.
Abschließend also ein thesenartiger Blick auf die zu errichtenden Baustellen im Bereich >Schule – Information – Medien<:
4. 1 Mit Medien in der Schule integrativ arbeiten und lernen
Die Informationsbeschaffung und –verarbeitung auf digitalen Plattformen ist aus dem Ghetto der (kulturloser!) Informatik-Räume zu befreien und da integrativ anzusiedeln, wo klassische Medien einen Platz gefunden haben.
Informationstechnische Medien können dort ihre eigenen multimedialen Qualitäten entfalten und übernehmen im intermedialen Zusammenhang eine Brückenfunktion, indem sie als Datenrechner Informationsbeziehungen zu allen greifbaren Medien knüpfen:
> Katalogisieren > Recherchieren.
In der räumlich-organisatorisch herzustellenden Nähe klassischer Medien (Buch / Video / sonstige Print-Materialien) zu den neuen informationstechnischen Medien (Online- / Offline-Medien) liegt auch die Chance, ähnliche Wissensinhalte in unterschiedlichen Medienformaten zu Medienpaketen zu bündeln und ständig aktuell zu halten.
Der Bestandsaufbau muss sich medial breitgefächert in der Weise vollziehen, dass die Ergänzungsfunktionen und Vorzüge unterschiedlicher Medienarten in den Themenfeldern zum Tragen kommen (Medienmix).
Innerhalb dieser Mediensammlungen erhalten schulische Medienproduktionen (Jahres- und Facharbeiten der SchülerInnen / schulisch entwickelte Unterrichtsreihen) einen herausragenden Platz.
4. 2 Medienmanagement schulübergreifend - als Leitidee
Was sich auf der Ebene großer weiterführender Schulen an medien-integrativem Management räumlich-organisatorisch möglicherweise relativ leicht realisieren ließe, bedeutet unter schulübergreifenden Aspekten einen erheblichen Aufwand an Kooperation und gewollter Grenzüberschreitung der Medienmitarbeiter.
Stellvertretend sind von ihnen - aus dem Blickwinkel schulischer Medienkunden - weitere Kooperationspartner außerhalb ihrer Stammschule zu finden, die eine noch differenziertere Medienvielfalt herstellen helfen.
Dass sich in regional wie überregional ergänzenden Medienarchiven (Landesmedienzentren etc.) komfortabel recherchieren und fernleihen lässt, gilt meist nicht für das Finden und Nutzen von Medienbeständen in benachbarten Schulen.
Bundesweit arbeiten nur einige wenige Kommunen und Landkreise in schulbibliothekarischen Arbeitskreisen daran, die mit erheblichen Kosten für Einzelschulen beschafften Medienbestände sowohl nach innen als auch in andere Schulöffentlichkeiten hinein zu dokumentieren und übergreifend über eine einen abrufbaren Medienkatalog online zu vernetzen.
Die dafür internetfähige Datenbank-Software zum Nachweis von Medien jeglicher Art ist längst auf dem Markt.
Tröstlich am Ende, dass zumindest die Informationstechnik als Werkzeug schon bereit ist, gerade in Zeiten öffentlicher Sparhaushalte – schulübergreifende Medienkooperationen zu ermöglichen, um mit dem notwendigen Medienmanagement zu beginnen.
Nachtrag 2005:
Eine gute Nachricht aus dem Lahn-Dill-Kreis in Hessen, wo schulisches Medienmanagement offensichtlich auf gutem Wege ist.
© 2004 Raimond Schmahl, Leverkusen (www.medien-fuer-LEV.de)
Klarstellung: Dies ist eine persönlicher Beitrag des Autoren Raimond Schmahl und keine Meinungsäußerung auf Veranlassung der MedienBeratung Schulen der Stadt Leverkusen
Kommentare:
# plainjochen schrieb am 17. Nov, 11:52:
Spricht uns aus der Seele, siehehttp://nordenhamerbuecherei.twoday.net/stories/394116/








